Der Stempel
Ein runder Abdruck in blauer Tinte: ein bärtiger Mann hinter einem Tisch, darauf ein Häufchen Steine. Die Umschrift nennt seinen Beruf. Rechenmeister brachten Kaufleuten, Handwerkern und ihren Kindern das Rechnen bei.
Eine Rechenstunde aus dem 16. Jahrhundert
Der Mann auf dem Stempel sitzt seit Jahrhunderten an seinem Tisch. Scroll weiter, dann wacht er auf, räumt die Rechenpfennige beiseite und zeigt dir, wie man ohne Papier und ohne Ziffern addiert hat.
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Ein runder Abdruck in blauer Tinte: ein bärtiger Mann hinter einem Tisch, darauf ein Häufchen Steine. Die Umschrift nennt seinen Beruf. Rechenmeister brachten Kaufleuten, Handwerkern und ihren Kindern das Rechnen bei.
Wie bei einem von Hand kolorierten Holzschnitt bekommt die Figur Farbe. Die Steine auf dem Tisch sind Rechenpfennige: flache Marken aus Messing, die vor allem in Nürnberg in großen Mengen geprägt wurden.
Bevor gerechnet wird, kommt alles in den Beutel. Auf dem Rechentisch ist es egal, welcher Pfennig wo liegt. Es zählt allein, auf welcher Höhe er liegt.
Quer über den Tisch laufen Linien. Die unterste gilt für Einer, darüber kommen Zehner, Hunderter und Tausender. Ein Pfennig auf der Hunderterlinie ist also 100 wert, ganz ohne geschriebene Ziffer.
Die Zwischenräume heißen Spatien. Ein Pfennig dort zählt fünfmal so viel wie die Linie darunter: 5, 50, 500. So liegen auf einer Linie nie mehr als vier Pfennige, und jede Gruppe erfasst man mit einem Blick.
Gelegt wird 1527: ein Pfennig auf der Tausenderlinie, einer im Fünfhunderter-Spatium, zwei auf der Zehnerlinie, einer im Fünfer-Spatium und zwei auf der Einerlinie. Die Null ist einfach eine leere Linie.
Auf die rechte Tischhälfte kommt 348. Die Acht wird als 5 + 3 gelegt: ein Pfennig im Spatium, drei auf der Linie.
Jetzt passiert die eigentliche Addition: Beide Hälften werden zusammengeschoben. Auf dem Tisch liegt damit schon die Summe, nur noch nicht aufgeräumt.
Fünf Pfennige auf einer Linie sind einer zu viel. Alle fünf werden weggenommen, und dafür kommt ein einziger ins Spatium darüber. Das ist der Übertrag, den wir heute im Kopf machen.
Zwei Pfennige im selben Spatium ergeben zusammen einen auf der nächsten Linie, denn 5 + 5 = 10. Von den drei Fünfern bleibt einer liegen.
Die Regel wiederholt sich auf jeder Höhe. Fünf der sieben Zehner werden zu einem Fünfziger, zwei Zehner bleiben liegen.
Nichts lässt sich mehr bündeln. Von oben gelesen: 1000 + 500 + 300 + 50 + 20 + 5 = 1875. Die Probe auf dem Papier stimmt: 1527 + 348 = 1875.
Der Rechentisch passt genau zu den römischen Zahlen: Die Linien sind I, X, C und M, die Spatien V, L und D. Wer vom Tisch abliest, schreibt MDCCCLXXV. Erst die indisch-arabischen Ziffern machten das Rechnen mit der Feder auf Papier bequem.
Abziehen geht umgekehrt: Pfennige wegnehmen, und wenn auf einer Linie keiner mehr liegt, einen größeren in kleinere wechseln. Probier es unten an deinem eigenen Rechentisch aus.
Dein eigener Rechentisch
Tippe auf eine Linie oder ein Spatium, um dort einen Rechenpfennig abzulegen. Mit Bündeln räumt der Tisch einen Übertrag nach dem anderen auf, genau wie oben.
Lege zum Beispiel 1492 und dann 59 dazu, und bündle anschließend.
Hintergrund
Der bekannteste Rechenmeister war Adam Ries (1492–1559). Sein erstes Rechenbuch von 1518 lehrte das Rechnen auf den Linien, das zweite von 1522 auf den Linien und mit der Feder, also schon mit Ziffern. Er schrieb Deutsch statt Latein, deshalb lernten sehr viele aus seinen Büchern. Wenn eine Rechnung stimmt, sagt man bis heute „nach Adam Riese“.
Die Steine auf dem Tisch waren meist keine Kiesel, sondern geprägte Marken aus Messing oder Kupfer. Nürnberger Werkstätten stellten sie in großen Mengen her und lieferten sie in ganz Europa aus. Mit Geld bezahlen konnte man mit ihnen nicht.
Das englische Wort counter für die Ladentheke geht auf den Zähltisch zurück, an dem gerechnet wurde. Das britische Schatzamt heißt Exchequer nach einem karierten Tuch, auf dem man die Abrechnungen mit Marken legte.
Die Figur ist frei nach dem Stempelmotiv gezeichnet. Das Foto oben zeigt den Originalabdruck.